...Neels Karp..
Neels Karp un' sien Lüüd
   
...
.
Geschichte
.
  
Als Oldie habe ich schon mit dem Commodore C64 gespielt.
Damals hatten die 'gecrackten' Programme meist einen Vorspann, in dem sich die Cracker mit  ihrem Alias, heute neudeutsch  Avatar  und einer schmissigen Melodie vorstellten.
( - Ein Avatar ist eine künstliche Person oder ein grafischer Stellvertreter einer echten Person
in der virtuellen Welt, beispielsweise in einem Computerspiel.

Das Wort leitet sich aus dem Sanskrit ab. Dort bedeutet Avatära „Abstieg“, was sich auf
das Herabsteigen einer Gottheit in irdische Sphären bezieht.
Der Begriff wird im Hinduismus hauptsächlich für Inkarnationen Vishnus verwendet.


Avatare werden beispielsweise in Form eines Bildes, Icons oder als 3D-Figur eines Men-
schen oder sonst irgend eines Wesens dargestellt. Die Verwendung des Begriffes Avatar in
diesem Zusammenhang wurde 1992 von Neal Stephenson in seinem Science-Fiction-Roman
'Snow Crash' populär gemacht.
In Diskussionsforen des Internets wird das Benutzerbild ebenfalls Avatar genannt, ähnlich
der 3D-Figur in einer virtuellen Welt. Häufig haben die eingetragenen Benutzer eines
Forums die Möglichkeit, ein Bild hochzuladen oder aus einer Liste auszuwählen, das sie
dann repräsentiert und das neben ihren Beiträgen in diesem Forum angezeigt wird - )

So etwas wollte ich auch haben und hatte da auch schon an etwas Langlebigeres gedacht.
Eines Tages las ich mit größtem Vergnügen folgende Geschichte aus dem Buch 'Esprit de Corps' oder 'Diplomaten unter sich' von Lawrence Durrell.
Ich vermute, seine Erben werden mir keinen Strick daraus drehen, wenn ich einen Teil daraus
hier einmal zitiere, zumal es zum Verständnis des Namens
Oom Poop unerläßlich ist.

.

La Valise


„Wenn es auf der Welt etwas noch Schlimmeres gibt als eine Sopranistin“, sagte Antrobus belehrend, als wir die Mall hinunter zu seinem Club gingen, „so ist es eine Mezzo-Sopranistin.
Sie quietscht zwar etwas tiefer auf der Tonleiter, aber leider desto schriller.
Sie halten mich wahrscheinlich für einen Banausen, mein Guter, aber nach den Erfahrungen,
die ich gemacht habe, behaupte ich dies im vollen Ernst.“

Und weiß Gott, er blickte mich mit todernster Miene an; aber das ist man von ihm gewöhnt.

Die feierliche Aura des Außenministeriums umgibt ihn, wo immer er geht und steht.

Er schwang seinen Schirm, wechselte den Schritt und verfiel in einen vertraulichen Tonfall.
«Und dann kann ich Ihnen noch etwas anderes verraten.

Wenn es zutrifft, daß die Franzosen einen etwas zweifelhaften Charakter haben, dann liegt das
an ihrer Leidenschaft für culture.

Natürlich würde ich diese Ansichten nie in der Öffentlichkeit äußern, aber ich weiß, daß ich mich
auf Ihre Diskretion verlassen kann.

Sie verstehen, die amtliche Tendenz ist sozusagen eher Pro- als Anti-Bildung, aber offen gestanden, ich kann mit dem ganzen musikalischen Krempel nicht viel anfangen.
Er langweilt mich zu Tode und bringt mich in kürzester Zeit zur Strecke. Ihnen gegenüber
geniere ich mich nicht, das zuzugeben.»


Er holte tief Luft und fuhr nach einer Pause, die wohl mit Gedanken an seine diplomatische Vergangenheit ausgefüllt war, nachdenklich fort: «Wenn ich in meinem Leben in Schwierigkeiten geraten bin, so waren sie stets eher kultureller als politischer Natur.
So zum Beispiel diese gräßliche Episode mit der Frau des französischen Botschafters in Vulgarien.
Sie war allgemein unter dem Namen "der diplomatische Schrankkoffer" oder La Valise bekannt.
Habe ich Ihnen je von ihr erzählt?»
«Nein-.»
«Soll ich? Aber ich warne Sie! Die Geschichte wird sie zusammenzucken lassen.»
«Trotzdem.»
«Nun, das Ganze passierte vor einigen Jahren in Vulgarien.
Ein unsagbar ödes Land mit unsagbar öden Menschen. Es war der übliche Eiserne-Vorhang-Posten, und das Außenministerium hatte sich mal wieder vertan, indem es den guten Smith-Cromwell hingeschickt hatte.
Nicht daß er übel war, im Gegenteil, er war ganz intelligent und hatte im Cambridger Universitäts-
team Federball gespielt.

Aber er war leicht zu beeinflussen.
Wie Sie aus eigener Erfahrung wissen, ist das Diplomatische Corps in kommunistischen Ländern von allen menschlichen Kontakten abgeschnitten.
Es muß sich selbst mit Zeitvertreib versorgen und ist völlig auf die eigenen Hilfsquellen angewiesen.
Damit fängt der Ärger meistens an.

Es ist eigentümlich, aber in allen diesen Ländern kommt früher oder später irgendein heim-
tückischer Franzose (es ist immer ein Franzose) und setzt einem die Pistole auf die Brust mit
der Forderung "Kultur oder Leben!" Und schon hat man die Kultur.

Es ist immer dasselbe.
.
Wie zu erwarten, bildete Sczbog keine Ausnahme.
Im zweiten Winter meines dortigen Aufenthaltes ernannten die Franzosen einen neuen Kultur-
attache, er kam direkt vom Montmartre - Sie wissen doch, wo die große Kirche steht.

Der Kerl sah aus wie ein Windhund - brennende Augen, schmutziges Haar, feuchter Händedruck.
Sie kennen den Typ. War noch nicht mal mit seiner eigenen Frau verheiratet.
Sehr fragwürdiger Bursche.
Bis zu seiner Ankunft ging alles seinen ruhigen Trott - die üblichen gesellschaftlichen Veranstaltungen unter Kollegen.
Aber dann brachte dieser scheußliche Kerl mit einem öffentlichen Vortragsabend den Stein ins Rollen.

Bitte, stellen Sie sich vor, ein öffentlicher Vortragsabend, ohne Getränke, ohne alles - über einen französischen Schriftsteller, der, wenn ich ihn recht verstanden habe, Flohbär hieß.
Natürlich mußten wir aus Kollegialität alle hin. Kultureller Austausch und so.
Als ob das nicht genug wäre, ließ der kleine Dreckfink dem ersten Vortragsabend einen zweiten folgen über noch so einen gottverdammten französischen Schriftsteller, der, wenn ich mich nicht täusche, Gau-Tier hieß.
Ich bitte Sie, mein Lieber, was soll man dazu noch sagen, Flohbär! Gau-Tier!
Es war wirklich mehr, als ein Mensch ertragen kann.

Während ich dem Unsinn lauschte, hegte ich starke Befürchtungen für die Zukunft.
Das beste wäre gewesen, den Kerl umzubringen.
Äußerlich ließ ich mir natürlich nichts anmerken, sondern trug eine Miene edler Verzückung zur Schau wie alle anderen, aber mein Inneres befand sich in Aufruhr.
Kultur verbreitet sich wie Ziegenpeter, wie Masern. Wenn sie um sich greift, benimmt sich in kürzester Zeit jedermann völlig unnatürlich.
Alle Kultur ist lasterhaft, mein Lieber, aber besonders die französische.

Ich sollte recht behalten.
Kaum war der Vortrag zu Ende, als ich auf den Gesichtern der Leute einen verderbten Ausdruck wahrnahm, und da wußte ich, jeder von ihnen hatte bereits begonnen, sich seine eigenen kleinen Torturen auszudenken.
Vor uns lag ein ganzer langer Winter bar jeglicher gesellschaftlicher Ereignisse außer vielleicht
ein oder zwei Nationalfeiertagen.

Es war der letzte Moment für Smith-Cromwell, energisch einzugreifen, um der Seuche Herr zu werden.
Aber er tat es nicht. Im Gegenteil, anstatt der Valise eine deutliche Abfuhr zu erteilen, als sie
mit ihrem Plan für eine "Wintersaison der Kultur" herausrückte, ermutigte er sie auch noch.

Er soll sogar zu irgend jemand geäußert haben, Kultur sei eine gute Sache, besonders für Militärattaches.
.
Wir hatten natürlich auch einen Kulturträger, er hieß Gesocks.
Und so sah er auch aus.
Man merkte ihm an, daß er von einer guten Schule mit schlechten Noten abgegangen war.
Aber bislang hatten wir Gesocks so gut im Schach gehalten, daß er nicht gewagt hatte,
Piep zu sagen.
Unter den gegebenen Umständen konnte das nicht mehr lange gutgehen.
Es war klar, daß er unserer Kontrolle entschlüpfen würde.

Schon nach einem Monat war er frère und cochon mit seinem französischen Kollegen.
Sie hielten Vorträge, gemeinsam und getrennt.
Sie veranstalteten Dichterlesungen.
Sie ersparten uns niemanden - weder Elliot noch Sartre, noch Immanuel Kant, noch diesen . . 
wie heißt er doch? . . . mir ist sein Name entfallen, nun, jedenfalls mit Ausnahme der Courths-
Mahler kamen alle dran.

Ich versuchte alles mögliche, Gesocks zu bremsen, und bis zu einem gewissen Grad gelang
es mir sogar.

Ich drohte, ich würde ihn zur Beförderung vorschlagen, und davor hatte er wirklich Angst;
denn dann wäre er nach Java versetzt worden.

Aber mein Triumph kam zu spät.
Inzwischen hatte das ganze Diplomatische Corps Feuer gefangen und brannte vor edler Begeisterung lichterloh.
Kultur verbreitete sich wie ein Waldbrand.

Was nun folgte, war eine Reihe unvergeßlicher Abende.
Jede Botschaft bemühte sich, zu der Bildungsorgie einen besonders schauerlichen Beitrag
eigener Prägung beizusteuern.

Die Nächte wurden zu einer Tortur der reinsten Pösie und Musik.

An einem Abend machten die Italiener einen höllischen Opernlärm, am nächsten beglückten
uns die Schweizer, als Alpenveilchen verkleidet, mit einem ohrenbetäubenden Jodelkonzert.

Danach gerieten die Japaner völlig aus dem Häuschen und führten ein makaber-dämonisches
 NO-Spiel auf, das sieben Stunden dauerte.
Der Anblick von all diesen kleinen, gelblichen, unergründlichen Diplomaten in Mickymaus-
Kostümen hätte auch Ihnen das Blut in den Adern gerinnen lassen.

Und ihre Stimmen! Sie gingen einem durch und durch.
.
Dann beschlossen die Holländer, aus Angst, ins Hintertreffen zu geraten, in der für sie charakteristischen Art, sich ihren Weg in den Vordergrund zu nagen, und zwar mit nationalen Gedichten - von der holländischen Botschafterin höchsteigen rezitiert.
Dies war der Moment, wo ich im stillen mein Abschiedsgesuch entwarf.

Mein Gott, nie werde ich Madame Vanderpipf vergessen! - unter normalen Umständen eine besonders nette Frau und gute Mutter.
Erst pflanzte sie sich wie ein Grenadier bei Fontenoy auf und dann fing sie nach einer kurzen
Pause mit einer trägen und tiefen Stimme - oh, die Stimme war unbeschreiblich träge und

tief, die ersten Verse, von wem weiß ich?, zu deklamieren an.

Mein Lieber, das Kulturerbe der Holländer ist schließlich nicht meine Sache.
Sie sollen es für sich behalten. Sie sollen sich meinetwegen daran ergötzen.
Aber ohne mich!
Man erspare mir Gedichte von fünfhundert Zeilen, die mit 'Oom kroop der poop' beginnen.
Sie lächeln, und mit vollem Recht, Sie haben nicht Mrs. Vanderpipf zuhören müssen, als sie
mit der düsteren Leidenschaft ihrer Rasse die unvergeßlichen Strophen vortrug.

Hören Sie zu:
.
LaValise.jpg    "Oom kroop der poop
    Zoom kroon der soup
    Soon droon der oopersnop."

    Und so weiter. Gibt Ihnen das eine Vorstellung?
    Vielleicht verbirgt sich dahinter ein tieferer Sinn
    - was weiß ich!

    Alles, was ich weiß, ist, daß es keine
    Freude war, Zuhörer zu sein.
    Besonders da sie sich gelegentlich                      
    unterbrach, um eine reichlich holprige Übersetzung
    zu
liefern, sie hörte sich ungefähr so an:

    "Unser Nationalpoet Snugerpoef,  
    er sägt, ween Holland leven fill,
    immer Heelden, 
fie sägt man,
    oopspringe van Velde, nein?"


    Es war haarsträubend, mein Lieber.
    Dann holte sie wieder tief Atem und
    weiter ging's im Text:
          "Oom kroop der poop
           Zoon kroon der soup."
.
Noch Jahre später trieb mir die Erinnerung den kalten Angstschweiß auf die Stirn.
Probieren Sie es einmal aus, wenn Sie allein sind.
Sie brauchen nur fünfhundertmal "oom kroop der poop" mit leiser Stimme zu wiederholen.
Nach einiger Zeit wird es wie Yoga. Alles um Sie herum wird dunkel.
Sie haben das Gefühl, Sie kippen nach hinten über und fallen in einen endlosen schwarzen Raum.
Sogar Smith-Cromwell wurde es allmählich zuviel.
Er beugte sich im Laufe des Abends zu mir herüber, um mir irgend etwas zuzuflüstern.

Als ich seine hervorquellenden Augen und pochenden Adern bemerkte, wußte ich, daß er kurz
vor einem Nervenzusammenbruch stand.

Endlich hatte er begriffen, was es mit der Kultur auf sich hatte.
„Wenn das noch lange so weitergeht“, zischte er mir ins Ohr, „dann fang ich an, laut alle meine Sünden zu beichten.“
Aber es ging unablässig weiter, den ganzen Winter hindurch.

Ich will Sie nicht mit den Beschreibungen der kulturellen Genüsse, die uns von den
entlegeneren Völkerstämmen geboten wurden, langweilen.

Die Argentinier! Die Liberianer! Lieber Gott!
Und die Chinesen! Alle als Lampenschirme verkleidet.
Und die Australier, die eine Schafsoper aufführten.
Und die Ägypter kreischend und kriechend, und das alles im gleichen Atemzug . . .
Also, mein Lieber, da fehlen einem die Worte.

Aber der wirklich böse Geist, der den Frieden immer wieder störte, war und blieb La Valise.
In dem Moment, wo das Kulturflämmchen am Verlöschen war, eilte sie herbei, um es wieder
zu entfachen.
Das Corps war schon seit langem völlig ausgepumpt - wenn ich mich so ausdrücken darf -
und konnte selbst aus seinem kollektiven Unterbewußtsein nur noch einige Kinderreime und
ein paar vergammelte Limericks hervorholen.

Aber La Valise ließ nicht locker.
Sie hielt sich für eine große Sängerin.
Sie trug stets irgendwelche Notenbündel mit sich herum.
Eine Mezzo-Sopranistin gibt nie klein bei, mein Lieber!
Sie stirbt im Stehen, die mächtigen Formen gewölbt zu den Sternen, . . . und hier muß ich wieder
auf unseren miesen kleinen Attache zurückkommen.
Er spielte nämlich Klavier. Und war zum ständigen Begleiter der Valise avanciert.
Er hackte auf dem Piano herum, und sie zerhackte die Luft mit ihrem unbarmherzigen Gesang.
Und das war ein Gesang!
Immer ein bisschen daneben, wurde mir gesagt, und das mit einer scheußlich penetranten Resonanz, die einem fast das Trommelfell zerriß.

Am besten waren diejenigen dran, die Hörapparate hatten, sie stopften sie mit Watte aus.
Bei den hohen Tönen vibrierten meine Smokingknöpfe.
Wir saßen zusammengekrümmt im Zuschauerraum und lauschten angsterfüllt, wie sie sich die Tonleiter herauf sang bis zum hohen E, F oder G, auseinanderhalten kann ich die verfluchten
Töne nie.

Diese Vorführungen verursachten uns jedesmal eine Flaute in der Magengegend, wie sonst nur
bei einer Achterbahnfahrt, kurz vor dem letzten steilen Sturz.

Wie wir das Ganze überstanden haben, ist mir bis heute noch ein Rätsel.
.
Smith-Cromwell war allmählich völlig zerknirscht, daß er die Valise je ermutigt hatte, und zerbrach sich den Kopf darüber, wie man sie stoppen könnte.
Das ganze Botschaftspersonal war am Ende seiner Nerven.
Der Marineattache brach in Tränen aus, sobald man nur die Worte (Kulturelle Veranstaltung)
in den Mund nahm.

Aber niemand sah einen Ausweg.
Wir klammerten uns an jeden Strohhalm.
De Mandeville - einfallsreich wie immer - schlug vor, für das Diplomatische Corps eine Party
zu geben, auf der er und sein Chauffeur abwechselnd aus den Werken des Marquis de Sade
vorlesen würden.

Aber nach langem Überlegen kam Smith-Cromwell doch zu der Überzeugung, daß dieser Plan
zwar sehr wirkungsvoll, aber auch etwas anrüchig sei.

So wurde er fallengelassen.
Mit mir war es allmählich so weit gekommen, mein Lieber, daß ich mich leicht in die Rolle des mörderischen Titus Andronicus hineinversetzen konnte.
Doch da geschah das Wunder.
Aus heiterem Himmel.

Nemesis mischte sich ein, genau wie in einer von diesen griechischen Tragödien, mit denen
man
uns auf der Schule quälte.
La Valise war immer reichlich behaart gewesen, sogar mit einem Schnurrbart nach neapoli-
tanischer Art.

Aber keiner von uns ahnte natürlich die Wahrheit.
Bis eines Tages nach Weihnachten Monsieur de Panier, ihr Gatte, in voller tenue bei uns in der Botschaft erschien.
Er warf sich an Smith-Cromwells Brust, ‚in Tränen gebadet’, wie die Franzosen zu sagen pflegen.
 „Mein verehrter britischer Kollege“, sagte er, „ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden. Meine Karriere ist ruiniert. Ich quittiere den diplomatischen Dienst.
Ich kehre in die Teppichfabrik meines Schwiegervaters bei Lyon zurück, um dort ein neues
Leben
zu beginnen! Alles ist aus!“

Smith-Cromwell war natürlich erleichtert bei dem Gedanken, die Valise nicht mehr sehen zu
müssen; aber für de Panier hatten wir alle etwas übrig.

Er war ein Gentleman.
Er geizte nie mit seinem Repräsentationsetat und gab uns am Jahrestag der Erstürmung der
Bastille stets echten Champagner zu trinken.

Seine Dinners waren wirkliche Dinners, nicht so wie bei den Schweden.
Entschuldigen Sie, ich schweife schon wieder ab.
Smith-Cromwell stellte ihm einige taktvolle Fragen, woraufhin de Panier sein Herz ausschüttete.
 „Sie werden es mir nicht glauben, mein Lieber!
Wahrscheinlich denken Sie, ich sei ein Romantiker, und trotzdem ist es so wahr, wie ich hier stehe.
Es gibt Zeiten in unserem Leben, wo sich das Herz emporschwingt wie die Lerche in die Lüfte,
wo in unserem Geist, gleich einer überirdischen Melodie, das Wissen anklingt, daß Gott wirklich existiert und sich um uns sorgt.

Mehr noch, daß ER sich ein wenig zur Seite wendet und seine schützende Hand über arme Diplomaten in extremis hält. Dies war so ein Moment!“
.
La Valise hatte sich wegen eines unbedeutenden, aber nicht diagnostizierbaren Leidens zur Untersuchung in die Klinik begeben.
Im Laufe einer leichten Operation hatten die Ärzte festgestellt, daß sie sich in einen Mann verwandelte.
Heutzutage ist dies natürlich eine medizinische Alltäglichkeit, aber zu der Zeit, von der ich spreche, klang es wie ein Wunder.
Ein Mann, bei meiner Seele! Wir konnten es kaum fassen.
Die alte Schreckschraube war im Grunde einer von uns. Es war wie Zauberei.
Wir waren gerettet.

Schon nach einigen Monaten vertiefte sich ihre Stimme - dieses verhängnisvolle Instrument - bis zu einem Baß herab. Ihr Bart sproß.
Der alte de Panier saß wie auf Kohlen, aber er mußte noch auf seinen Nachfolger warten.
Armer Kerl! Er tat uns allen von Herzen leid mit diesem bärtigen Wunder an seiner Seite.
Aber er benahm sich sehr würdig.

Endlich war alles erledigt, und sie verließen die Stadt in einem verhangenen Wagen mitten in der Nacht.
Ich überlegte mir damals, daß er in Lyon wahrscheinlich glücklicher sein würde, dort fallen solche Dinge ja nicht sonderlich auf.
Aber wenn er sein Unglück mit Anstand getragen hat, so kann man das gleiche von
 La Valise elle-meme sagen.
Sie trat in Revuetheatern als Baßbariton auf und erlangte einen gewissen Ruhm.
Smith-Cromwell erzählte mir, er hätte sie in Paris mit vollem Orchester "Le London Derriére" singen hören, und das Publikum wäre ganz verrückt nach ihr gewesen.
Bei einigen tiefen Noten hätten zwar noch die Aschenbecher leicht vibriert, doch man hätte zumindest nicht mehr den Eindruck gehabt, in einem Windkanal zu sitzen.
Im übrigen trüge sie einen Bart und einen Korkenzieher-Schnurrbart und sehr elegante Stiefel mit seitlichem Gummizug.
Ihr Auftreten sei sehr selbstsicher gewesen, und warten Sie . . .ja natürlich, ihr Künstlername sei jetzt TitoTorez.

Wenn man Smith-Cromwell glauben kann, ist sie nach der Scheidung eine andersgeartete Bindung eingegangen, in der sie keine Schreckensherrschaft mehr ausübte.
Gnadenreich sind die Wege der göttlichen Vorsehung!
Der arme de Panier wurde, nachdem Gras über die Angelegenheit gewachsen war, wieder in den diplomatischen Dienst übernommen.
Zur Zeit ist er Generalkonsul in Blue Springs, Colorado.
Man hat mir berichtet, dort gäbe es wenig Kultur, und so hoffe ich, daß auch er glücklich ist.»
.

..
.Wer die Geschichte ungern gelesen hat, dem wird auch diese nicht so recht gefallen ...
.
pfeil_ob.gifAnregungen, Kommentare & Fanpost bitte per email an:
oompoop@freenet.de
pfeil_ob.gif
..